Meine erste richtige Brasilien-Erfahrung machte ich wohl damals, am Anfang im November 2005, bei meinem Gynäkologen.
Als wir nach Brasilien gingen, war ich gerade das erste Mal schwanger und steckte mitten im 2.-3. Monat. Daher suchte der große Mann für mich noch in der ersten Woche einen deutschsprechenden Gynäkologen, denn ich sprach ja bis dato nur so eine handvoll Wörter auf portugiesisch.
Ich glaube, fünf Tage nachdem wir hier gelandet waren, hatte ich dann auch schon den ersten Termin und der große Mann begleitete mich. Wir führten gemeinsam ein erstes Kennenlern-Gespräch mit dem Arzt, dem ich mich in ein paar Monaten eng anvertrauen werden müsste und es ging im Besonderen um seine Einstellung zum Kaiserschnitt und einer natürlichen Geburt, denn hier in Brasilien nimmt man “seinen” Arzt mit zur Geburt und nur dieser (samt einem eigenen Team aus Anästhesist, Kinderarzt etc.) betreut einen währenddessen. Dann untersuchte er mich das erste Mal, gab mir ein paar Ratschläge bezüglich der Ernährung, schickte mich die nächsten Tage zur Blutuntersuchung und zum Ultraschall in ein Krankenhaus, denn das wiederum machen in der Regel die Ärzte in ihren Praxen nicht. Beim Ultraschall ist das vielleicht auch sogar besser, wenn man zu einer “zentraleren” Stelle geschickt wird und von jemandem untersucht wird, der sich quasi den ganzen Tag lang mit nichts anderem beschäftigt und einfach erfahrener im Erkennen von Problemen oder auch des Geschlechts des Kindes ist.
Aber ich schweife schon wieder ab und nähere mich einem Thema, dem ein eigener Eintrag irgendwann einmal gebührt: Der Geburtsbetreuung und dem medizinischen System im Ganzen.
Nun, alles war paletti und nach dem Gespräch und der Untersuchung kamen wir zur Verabschiedung und ich reichte meine Hand herüber und wurde zu meiner allergrößten Verwunderung an meinen zukünftigen Arzt, männlicher Natur (!) gedrückt und bekam einen “beijo” auf die Wange geschmatzt.
Einen Kuss!!!
Von dem Arzt, der mich soeben noch untersucht hatte, meinem G y n ä k o l o g e n.
Mir müssen wohl meine gesamten Gesichtszüge entglitten gewesen sein in dem Moment. Der große Mann amüsiert sich zumindest noch bis heute prächtig über meinen Gesichtsausdruck.
Nun und was soll ich sagen, man gewöhnt sich erstaunlich schnell an diese ständigen Küsschen-Küsschen, mit Nachbarn, Bekannten, Ärzten, unbekannten Freunden von Bekannten, deren Kindern, deren Großeltern, meinem Chef und meiner Chefin - ach, irgendwie mit allen, zumindest denen aus “meiner Schicht”. Taxifahrer zum Beispiel küsst man nicht und auch nicht die Haushälterinnen oder Gärtner.
Leid tut es mir allerdings oft für die Kinder, von denen es zu deren oftmals ebenso sichtbaren Grausen wie dem meinen eben geschilderten erwartet wird, dass sie auch Wildfremden oder quasi Wildfremden, die sie nur drei Mal höchstens im Jahr sehen, Küsschen geben müssen.
Aber nun gut, es existiert halt ein ganz anderes Körpergefühl und es gibt auch eine viel kürzere Distanz zwischen aneinander Vorbeilaufenden auf dem Bürgersteig, im Supermarkt oder Shopping zum Beispiel und wer mir alles bis zur Geburt des kleinen Mannes einfach seine Hand auf den Bauch gedrückt hat, im Vorbeigehen im Supermarkt, beim Warten auf den Bus, in der Warteschlange bei der Post ach und was weiß ich noch wo, das war zumindest gefühlt halb Sao Paulo. Allerdings hat mir dann auch ebenso halb Sao Paulo alles Gute zur Geburt und für den kleinen Mann gewünscht.
Inzwischen bin ich es gewöhnt und muss wahrscheinlich demnächst in Deutschland an mich halten um nicht den zukünftigen Kinderarzt vom kleinen Mann ebenfalls mit Küsschen zu begrüßen und zu verabschieden.
Weiterhin gewöhnungsbedürftig finde ich es allerdings, wenn mir auch jedeR Küsschen am Ende ihrer eMails schickt! Bitte was kann ich denn dann noch spezielles an den großen Mann senden?! Was bleibt dann noch übrig?
Die Schilderung des Vorgangs bei einer Geburt bezieht sich in diesem Eintrag nur auf die Verhältnisse ab Mittelschicht aufwärts! Die Mehrheit geht bei einsetzenden Wehen ins nächste öffentliche Krankenhaus und hofft auf einen freien Kraißsaal, wenn es denn dann bei ihr so weit ist. Und welcher Arzt dann dabei ist, ist eher nebensächlich.
Veröffentlicht in Subtropische Erlebnisse | Schlagworte: beijos, brasilien, küsschen, ländervergleich, medizinisches System, sao paulo