Verfasst von: chrizzo | Dienstag, Mai 13, 2008

Erziehung raten

Vom großen Mann wurde ich gerade auf einen Artikel zum Thema “Diktatur der Unschuldigen” (drei Teile bei SPON von Elke Schmitter) - Kindheit als Kuschelwarteraum vor dem Erwachsenwerden aufmerksam gemacht.

(Auf gute Artikel bei SPON muss man mich immer aufmerksam machen, denn ich habe keine Geduld mir aus einer Menge mieser Artikel - um nicht reißerisch und niveaulos zu schreiben - noch zu uninteressanten Themen, die paar guten heraus zu picken.)

Schmitter konstatiert zuerst einmal ein Problem: Tyrannische Kinder, die die Eltern ratlos wenn nicht überfordert machten.

Der Artikel liefert im weiteren Ansätze zu einer Analysierung der heutigen Erziehungsstile. Dabei werden zwei Ansätze beschrieben:

Die Eltern wollen Partner ihrer Kinder sein. Sie gestehen ihnen mehr Freiheiten und Rechte zu, als beide Seiten brauchen und ertragen.

Das ist der Kindheit als Kuschelwarteraum-Ansatz, deren Eltern dann der Schule misstrauisch gegenüber stehen und sich Sorgen um nicht kindgerechte Lernstoffe machen.

Wir geben dir größtmögliche Unterstützung, damit du durch Leistung und Benehmen zeigst, wie gut wir als Eltern sind. Und das kann gefährlich sein. Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse, so argumentiert der dänische Familientherapeut Jesper Juul, richten weniger Schaden in Kinderseelen an als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will, um sich selbst als kompetent zu erleben.

Der zweite Ansatz beschreibt Eltern, die den späteren Lebenserfolg ihrer Kinder planen und damit von den Kindern enorm viel fordern. Der Artikel beleuchtet aber mehr die Eltern des ersteren Typs und stellt der dieser Erziehungs”methode” zugrunde liegenden Sicht auf das Kind, die historischen Sichten auf Kinder von den Griechen im Schnelldurchlauf bis zur heutigen Gesellschaft gegenüber.

Der Artikel reißt mich nun auch nicht vom Hocker, wenn man ihm so etwas wie ein Fazit abringen kann, dann wahrscheinlich am ehesten das “pick your battle”, also such die Prinzipien in der Erziehung, die der Situation Deiner Familie am angemessensten sind und vertrete diese dann auch authentisch und konsequent (wenn letzteres nicht schon überinterpretiert ist).

Am Ende des Artikels werden drei Erziehungsratgeber empfohlen:

  • Michael Winterhoff: “Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit”
  • Jesper Juul: “Die kompetente Familie. Neue Wege in der Erziehung”
  • Rudolf Dreikurs/Vicki Soltz: “Kinder fordern uns heraus. Wie erziehen wir sie zeitgemäß?”

Hat davon eineR der hier Mitlesenden vielleicht schon mal eines gelesen und kann mir kurz an- oder auch abraten?

Antworten

Ich verstehen den Artikel ehrlich gesagt nicht. Alles beschwert sich darüber, dass die Kinder heutzutage viel zu früh gedrillt, gefördert, gefordert und verplant werden. Und dann wird hier irgendwie das Gegenteil behauptet, oder?! Ich habe den Verdacht, dass im Moment einfach jeder sich dazu berufen fühlt, irgendetwas zu Erziehung zu schreiben. Und der Spiegel-Artikel ist besonders wirr - oder es war gestern einfach nur zu spät bzw. ich zu müde.

Ich kenne ehrlich gesagt bisher auch keine Tyrannen-Kinder, das kann doch eigentlich auch nur bei Einzelkinder funktionieren, oder?! Zum Schul-Aspekt kann ich natürlich noch nichts sagen, warten wir’s ab.

Ich kenne die Erziehungsratgeber nicht - ich lese ehrlich gesagt auch keine - ich habe mal in Juuls Das kompetente Kind reingeschaut und es milde lächelnd wieder ins Regal gestellt, weil ich finde, dass es derartig Logisch-Selbstverständliches beschreibt, dass ich das nun wirklich nicht lesen muss.

Ich habe vor exakt einer Viertelstunde ebenfalls den Artikel gelesen und kann nur sagen:

Mit deiner Überschrift hast Du es geschafft, die pädagogische Situation in Deutschland (und nicht nur hier) in zwei Worten zu umreißen, aber auch den Artikel in seine Schranken zu weisen:

Nischt jenauet weeß man nich - ick ooch nich, oder so.

Und weil deine Überschrift so schön alles sagt, hast Du mir die Arbeit, zu dem Thema etwas schreiben wollen zu müssen, abgenommen. Danke!

Danke für den Link, Larissa, und Deine Einschätzung zur Literatur.
Und danke, Buchstaeblich, für Deine Zeilen zur Einschätzung der Situation in Deutschland. Ich sitze dafür zu weit weg, hier in Brasilien. ;-)
Bisher hatte ich hier auch immer nur von den “Karriere”-Eltern gehört und war schon ein wenig verwundert, dass nun die Rede von den Kuscheleltern ist.
Ich habe den Verdacht, weil es in Deutschland nicht mehr so viele Kinder gibt, sind Kinderlose (ist jetzt einfach eine Unterstellung, ich weiß nicht, ob Frau Schmitter Mutter ist oder nicht) ganz verdutzt, wenn auch ein Kind mal seine Meinung kundtut und dies nicht erwachsenen-adäquat kann/macht/will.
Vielleicht sollten die Erziehungsjournalisten mal eine “Bildungsreise” nach Brasilien machen. Dann schrieben sie wahrscheinlich von “Monstern” oder so. *g* Trotzende Kinder sind hier sowas von normal. Und erst der Kitsch bei den Kinder-”Accessoires”!
Konsequenzen in der Erziehung gibt es hier aber auch: Teilen (Spielzeug auf dem Spielplatz wird geteilt, da bedarf es keiner Nachfrage) und Höflichkeit (anderen Erwachsenen und Kindern gegenüber, Kinder sind aber auch ständig “überwacht”, hier gibt es keine Möglichkeit Kinder mal alleine spielen zu lassen).
[Alle Angaben wie immer für ab Mittelschicht aufwärts.]

Ich habe das “Kompetente Kind” von Juul gelesen, fand es grauenhaft (sowohl im Stil als auch vom Inhalt her) und halte es für Zeitverschwendung. Dabei habe ich sehr viele Erziehungsratgeber gelesen und es waren durchaus interessante Passagen dabei - auch aktuell hilfreiche…aber ich bin mir nicht sicher, ob das Lesen wirklich die Erziehung meines Sohnes beeinflusst hat.

Liebe chrizzo,

entschuldige, ich hatte übersehen, dass Du in einem anderen Kulturkreis lebst.

Dann muss ich doch einiges erklären:
In Deutschland herrscht eine ziemliche Verwirrung über Erziehung, so dass oft überhaupt keine stattfindet.

In den Medien gibt es ein Hauen und Stechen über “richtige Erziehung”, während in vielen Familien ein gesunder Tagesablauf mit einem selbstverständlichen Regelwerk einfach nicht mehr stattfindet.

In allen Schichten gibt es eine Menge Eltern, die einfach nicht wissen, wie sie ihre Kinder großziehen sollen. So werden viele Kinder ins Bodenlose mit materiellen Dingen verwöhnt, statt ins Leben begleitet, und es wird eine Menge Zeugs gekauft in dem Glauben, Kinder bräuchten es zum glücklichen Aufwachsen.

Höflichkeit ist hier bei vielen zum Fremdwort geworden, und in den Kindergärten und Schulen stehen die Erziehenden der Frage gegenüber, wie sie ihren Unterrichtsstoff an Kinder übermitteln sollen, denen die rudimentärsten Verhaltensregeln oftmals fremd sind.

So findet hier ein allgemeines “Erziehung raten” statt wirklicher Erziehung statt - um den Verweis auf deine wundervolle Überschrift zu erklären.

Ein bißchen Trotz? Habt Ihr es gut in Brasilien, auch wenn es sicherlich nicht immer schön ist, seine Kinder nicht unbegleitet vor die Tür lassen zu können.

Danke, Natalie, für Deine Einschätzung zum Juul.
Bisher habe ich nur den Largo hier und darüber hinaus nichts weiteres (außer einem Übersichtsbuch der Kinderkrankheiten).
Der große Mann hatte jetzt mal wieder das Verlangen nach ein wenig Lektüre zum Thema Erziehung.
Aktuell bedarf es bei uns ein wenig mehr guter Nerven, weil der kleine Mann Frustration (z.B. darüber, dass jetzt Windel gewechselt werden muss, umgezogen, Spiel unterbrochen werden muss, weil es auf den Spielplatz geht o.ä.) in Aggression umsetzt.
Und noch einmal ein danke, Buchstäblich. Das materielle Überhäufen ist in Brasilien leider die Regel (gilt natürlich nur für ab Mittelschicht aufwärts!). Und die Kinder sind oft dementsprechend kleine Tyrannen, wenn es um materielle Dinge geht. “Ich will dies, ich will das und jetzt doch lieber was anderes.” Ehrlich gesagt, komme ich mir angesichts unserer Spielsachen(-Menge) schon fast immer als Rabenmutter vor… ;-)

Wenn Du deutsche Mütter erleben willst, ich denke, hier dürfte es demnächst im Zusammenhang des Artikels lustig werden.

Ich geh jetzt ein Bier trinken und Fußball schauen.

Danke, Larissa. Das werd ich mir heute abend mal ansehen.
Ich breche jetzt mit dem kleinen Mann zum Spielplatz-Nachmittag mit den Kinderheim-Kindern auf. Allerdings müssen wir sie jetzt nicht mehr abholen…

chrizzo,

streiche die Raben!
Stattdessen nimm ein Kompliment mit in den neuen Tag:
Offensichtlich bist Du eine Mutter, die eine sehr wichtige Vokabel beherrscht: “Nein!”

Das ist ein ganz wichtiges Wort für deinen kleinen Mann, denn es hilft ihm, seine Erlebenswelt zu ordnen.
Es ist genau so wichtig wie “Ja”, denn es zeigt ihm immer die Grenzen seiner Welt auf, so kann er sich nicht so leicht darin verirren.

Es ist dieser Mangel an “Nein!”, der hier in Deutschland für Kinder vieles in den Sand gesetzt hat.

Außerdem liest man heraus, dass Du deinen Kleinen sehr liebst, und deshalb mache ich mir um diesen kleinen Schnuckel überhaupt keine Sorgen. Selbst, wenn er mal bocken sollte: Dafür ist er Kind - der muss es hin und wieder versuchen!

Ach nein, Buchstäblich, noch muss ich “nein” in Bezug auf materielle Dinge nicht oft anwenden, dafür ist er noch zu klein (wird Ende des Monats zwei :-) ) und bislang reicht im Supermarkt vor der Schokolade o.ä. ein “das haben wir noch zu Hause”. Ich denke, diesbezüglich, werde ich mich noch beweisen müssen.
Aber danke trotzdem. ;-)

Ja, das Problem Frustration / Aggression entwickelt sich hier gerade erst …hatte wohl fast 3,5 Jahre lang Glück ;o). Mein liebster Ratgeber ist und bleibt “Das Geheimnis glücklicher Kinder” von Stephen Biddulph - auch, weil er wesentlich entspannter zu lesen ist als andere.
Obwohl ich dazu eigentlich keinen akuten Anlass hatte, besuchte ich im letzten Jahr den Kurs “Starke Eltern - starke Kinder”…einfach, weil ich so oft im Freundeskreis beobachtet habe, dass in sich gefestigte, starke Erwachsene oft diese Stärke von ihren eigenen Eltern vermittelt bekommen hatten. Ich fand den Kurs auch ganz gut, obwohl das meiste schon anderso geschildert wurde. Das passende Kursbuch habe ich auch, aber nie reingeschaut: “Starke Kinder brauchen starke Eltern: Der Elternkurs des Deutschen Kinderschutzbundes” von Paul Honkanen-Schoberth. Na, das wäre doch schon mal Lesestoff für den großen Mann ;o).

Die werd ich mir mal näher ansehen! Danke, Natalie. :-)

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