Eineinviertel – zwölf – zu dreiviertel

Normaler Weise oder besser außergewöhnlicher Weise an einem Tag und einer Uhrzeit ohne viel Verkehr würden der kleine Mann und ich max. zwölf Minuten mit dem Auto bis zur Musik- und Kunststunde benötigen. In letzter Zeit kommt das nur leider nicht mehr vor.

Außer den Sommerferien von bis zu acht Wochen und den vierwöchigen Winterferien (jetzt im Juli) steht leider keine größere Ferienzeit in Sao Paulo mehr an. Und wenn wie die kommende Woche ein Feiertag mit einer Brücke ansteht, dann findet auch kein Unterricht statt und der geringere Verkehr hilft uns diesbezüglich nicht weiter.

Diesen Freitag hatte uns morgens um 9.15h der extrem zähfließende Verkehr eineinviertel Stunde gefangen genommen. Wir kamen viel zu spät zu unserer Malstunde, die übrigens insgesamt nur eine dreiviertel Stunde lang geht. Zurück ging es dafür recht zügig und wir benötigten „nur“ eine halbe Stunde.

Gut zugegeben, mit den Uhrzeiten von 10h morgens und 17h nachmittags habe ich uns jetzt nicht die verkehrstechnisch _günstigsten_ Zeiten ausgesucht, weil sie zu nah an oder schon mitten drin in den Rush-Hour-Zeiten liegen. Nun bietet nur die Schule auch nicht unendlich viele Kurse in den Niveau-Stufen des kleinen Mannes an und die anderen Möglichkeiten scheitern an festem Krabbelgruppen-Treffen und auch an dem Rodízio-Tag meines Autos.

Jeder Wagen in Sao Paulo ob nun hier zugelassen oder nicht, darf an einem bestimmten Tag in der Woche nicht zu den Rush-Hour-Zeiten in einem recht großen Innenstadt-Bereich fahren. Dieser Tag richtet sich nach der letzten Ziffer auf dem Autokennzeichen (das Autokennzeichen bleibt auch beim Verkauf des Wagens immer bestehen). So haben zum Beispiel die Zahlen 1+2 jeden Montag ihren Rodízio, 2+3 Dienstags und immer so weiter bis zu 9+0 am Freitag.

Richtig Reiche, die aber noch nicht so reich sind, dass sie sich den Hubschrauber leisten könnten, haben einfach dementsprechend einen Wagen mehr zu Hause, so dass sie diese Regelung umgehen können.

In Sao Paulo wird jeden Tag die Staulänge im Stadtgebiet gemessen. Anfang des Jahres wurden Werte von um die 140km gemeldet, als es auf 160km anstieg war der Aufschrei in den Medien schon groß. Mittlerweile sind Meldungen von 260km erreicht.

Die Politik diskutierte darüber, die Laufzeit von Autokrediten gesetzlich auf nur noch 36 Monate zu dezimieren. Bisher kann man sein Auto in bis zu 100 Monaten abbezahlen, das sind 8Jahre… Dafür zahlt man natürlich auch Zinsen und der Wert, den man dann nach 8Jahren gezahlt hat, ist höher als der doppelte Wert den der Wagen jemals hatte, ganz zu schweigen davon, dass man natürlich nie so genau weiß, wie lang denn das Lebensalter des Autos wäre. Kaum diskutierten dies die Politiker, verzeichneten die Autohändler mehr als doppelt so viele Verkaufsabschlüsse wie üblicher Weise. Jeder wollte noch einmal ein Auto zu solch langen Kreditlaufzeiten holen.

Man mag sich lieber nicht ausmalen, was hier bei ähnlichen Problemen wie am Immobilienmarkt in den USA derzeit passieren könnte… Denn es ist auch nur ein Beispiel für die Lust an Kreditfinanzierungen der Brasilianer. Und der Konsumindex zeigte im letzten Jahr entsprechend der wachsenden Wirtschaft steigende Umsätze an.

So ca. 800 Neuzulassungen an Wagen hat die Stadt Sao Paulo täglich zu verzeichnen. Ich kenne leider nicht die Zahl der Abmeldungen.

Und auch, wenn ich alte Autos eigentlich zum Teil ganz schön finde, dann tut es der Stadt und der Umwelt wahrscheinlich sogar gut, wenn einige der alten Wagen von neuen umweltfreundlicheren abgelöst werden können. Allerdings fahren mittlerweile mehr als 6 Millionen Wagen in Sao Paulo… Dem stehen leider nur ca. 60km U-Bahnnetz gegenüber und die Busse stehen zu Rush-Hour-Zeiten ebenfalls auf ihren Exklusivspuren im Stau.

Im brasilianischen Portugiesisch gibt es einige Wörter für Verkehr und Stau wie z. B. trânsito, tráfego und lentidao, congestionamento und engarafamento. Fällt jemand noch mehr im Deutschen ein? Außer zähfließender Verkehr und stop and go?

Na jedenfalls habe ich jetzt einmal probehalber die beiden Kurse auf einen Nachmittag legen lassen, damit aus vier Fahrten nur noch zwei werden. Denn für eine Strecke deutlich mehr als eine Stunde Autofahrt steht in keinem Verhältnis mehr zu einer dreiviertel Stunde Spaß. Bald laufen die Kurse auch aus und dann werde ich mich wohl schweren Herzens (weil es so viel Spaß macht und beide Lehrerinnen einfach nur toll sind) von einem der Kurse trennen.

Foto von dem alten Auto wurde von der lieben Freundin, die im Januar zu Besuch gewesen ist, geschossen.

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6 Gedanken zu „Eineinviertel – zwölf – zu dreiviertel

  1. Jedesmal wenn ich Deine Berichte lese, kommt es mir so vor als wäre Portugal das Bindeglied zwischen Europa und Brasilien. Vieles was Du beschreibst, wie die Verkehrssituation, aber auch den Erziehungsstil, die behüteten Kinder, den Rassismus der keiner ist… erkenne ich wieder, nur in gemässigter Form. Ich stehe jeden Morgen im Stau, wir wohnen mittlerweile „günstig“ und brauchen nur noch ca.1h für 17km, wenn es keinen Unfall gibt. Aber bis vor einigen Jahren waren es jeweils 2h morgens und abends für 23km eine Strecke. Unglaublich.
    Man sagt, in Lissabon wohnen 1Mio. Menschen, aber es gibt 3Mio. Autos… Wobei die Rechnung nicht ganz aufgeht, weil das Lissaboner Stadtgebiet nur eine gute halbe Million Einwohner hat, aber es ist was wahres dran.
    Auch die Kreditfreudigkeit hier hat absolut nichts mit der deutschen Zurückhaltung zu tun.
    Daher, auch wenns gern (von beiden Seiten) verleugnet wird, ich denke doch dass die Brasilianer und die Portugiesen in jeder Hinsich noch nah miteinander verwandt sind 😉
    lg jo

  2. Wirklich interessant! Gerade die Regelung mit dem Autofreien Tag finde ich eigentlich richtig gut…eigentlich. Denn wenn ich davon betroffen wäre, sähe es vermutlich schon wieder anders aus. Aber ich kann mir hier in unserem kleinen Nest einfach nicht vorstellen, dass es sowas gibt 🙂 Geben muß, um das Chaos wenigstens etwas zu begrenzen. Irre…mich würde es echt auch mal reizen, in so eine Stadt zu gehen. Aber leider ist mein Mann von solchen Sachen gar nicht begeistert. Schade.

  3. Oh, was soll ich Dir darauf antworten?
    Natürlich ist es super so etwas zu machen, weil es wirklich ein kleines Abenteuer ist, dann entdeckt man eine andere Kultur (obwohl es natürlich noch viel weiter von der europäischen Kultur entfernte gibt!), eine andere Sprache, ein anderes Land für sich, ständig kommt neuer „Input“. Auf der anderen Seite birgt es je nachdem wo man hingeht, eben auch manchmal „Gefahren“ mit sich. Dazu zähle ich jetzt nicht nur die Kriminalität hier in Sao Paulo, sondern auch den Verkehr.
    Und was wir in dem schon für Lebenszeit vergeudet haben! Vor allem natürlich der große Mann, der jeden Tag in der Woche zu den Rush-Hour-Zeiten fahren muss.
    Für ihn ist das wohl mit das stärkste Argument, dass wir hier nicht für ewig bleiben wollen.
    Aber davon mal ab, wollten wir das von Anfang nicht. Und zwar in erster Richtung nicht, weil wir uns beide immer gewünscht haben, dass unser Sohn mal in einer größeren Freiheit aufwachsen soll, als es hier für ihn möglich ist.

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