Der Weg auf die Welt und die ersten Tage Muttersein

Der kleine Mann wurde wegen beginnender Schwangerschaftsvergiftung eine Woche nach errechnetem Termin geholt, also die Geburt eingeleitet.

Dafür „checkten“ der große Mann und ich am 30.05.06 abends im Krankenhaus ein. Es wurde noch einmal per Ultraschall die Lage des kleinen Mannes kontrolliert, dann durften wir auf´s Zimmer, ich bekam noch einmal eine Kleinigkeit zu essen und dann hätten wir schlafen gekonnt. Ich in einem merkwürdigen Krankenhausbett und der große Mann auf der Couch im Zimmer, die man zum Schlafen umklappen kann. In Brasilien ist das gar keine Frage (bitte beachten: gilt nur für Privatpatienten! Und nicht das staatliche System.): Natürlich bleibt einer aus der Familie bei der Schwangeren. Und wenn es nicht der Vater ist, dann die Mutter oder die Schwiegermutter.

Ich weiß noch, dass ich aber sehr aufgeregt war und lange nicht einschlafen konnte.

Morgens sollte es dann um 6 Uhr losgehen und dafür wurden wir um etwas nach 5 Uhr schon geweckt. Das war nur eine kurze Nacht gewesen…

Dafür hing ich dann schon um kurz vor 6 Uhr am Wehentropf und war zum ersten Mal während meiner Schwangerschaft an ein CTG angeschlossen. Ich war irgendwo in dunklen Zimmern in unteren Etagen des Krankenhauses, der große Mann an meiner Seite, der mir die Aufregung mit dem Vorlesen eines Buches vertrieb.

Mein Gynäkologe war natürlich auch da, bestimmte den Tropf und schaute immer mal wieder rein und kontrollierte den Muttermund. Ansonsten wuselten Schwestern mal herein.

Die Einleitung begann gut, der Muttermund öffnete sich langsam und die ersten drei Stunden hatte ich im Prinzip keine Schmerzen. Ich fühlte nur die Muskeln hart werden und ein winziges Ziehen, nicht mal so schlimm wie Regelschmerzen, übrigens sehr zum Unverständnis meines Arztes, der mich dann zur PDA überredete, weil er später eh schneiden würde (den Damm) und es noch später vielleicht nicht mehr gehen würde.

Also blieb die Geburt des kleinen Mannes für mich absolut schmerzfrei und in den Presswehen später sollte ich immer auf meinen Bauch schauen müssen und auf das Kommando des Arztes reagieren, weil ich absolut nichts spürte.

Aber bis dahin waren noch ein paar Stündchen, denn trotz starker Wehen verlangsamte sich die Öffnung des Muttermunds bzw. stockte bei 7cm. Nach 6 Stunden eröffnete der Arzt schon sonst evtl. doch einen Kaiserschnitt anzupeilen, aber die Wehen waren schön regelmäßig und anscheinend laut Ausschlag des CTGs auch stark und so entschied er sich, die Fruchtblase zu sprengen und mal zu schauen, ob das etwas weiter bringen würde. Getan und ging erst mal noch schnell Mittagessen.

Ich lag da übrigens auf einem Krankenbett im Flügelhemdchen und weiß noch, dass mir die Klimaanlage ein wenig auf den Zeiger ging, weil es für meinen Geschmack zu kühl war. Der große Mann hatte Straßenkleidung an, verließ mich dann aber noch einmal, weil er sich für die Geburt selber auch in sowas wie Arztkleidung für Besucher hüllen musste. Er unterschied sich im Folgenden nur durch die Kleidungsfarbe von den Ärzten und Schwestern.

Der Arzt schwirrte wieder herein, der Anästhesist ebenfalls und verpasste mir noch einmal eine zweite Ladung PDA und ich wurde mit meinem Gitterbett in einen Nebenraum geschoben, der ebenfalls kein Fenster hatte, dafür so aussah wie ich mir einen kleinen OP-Raum vorstelle.

Meine Füße wurden hochgewuchtet, denn ich spürte ja nun mal nichts mehr unterhalb meines Brustkorbes und das Zeichen für das Pressen wurde gegeben.

Ich spürte zwar nichts, presste aber so stark wie ich konnte. Nach ca. einer halben Stunde Presswehen setzte der Arzt die Zange an, was ich gar nicht mitbekam, dafür aber der große Mann, den es erschreckte, dass er noch einmal nachsetzte und im nächsten Moment sah ich zwischen meinen Beinen den kleinen Mann rausflutschen, Kopf nach unten und noch bevor er ganz hinaus geglitten war, begann er auch schon zu schreien.

Ich werde jetzt gar nicht zu beschreiben versuchen, was das für mich für ein besonderer Moment gewesen ist, denn es ließe sich eh nicht adäquat in Worte fassen, diese Mischung aus sofort einsetzender überschwellender Liebe und Bemutternwollen-Gefühlen und einer bodenlosen Erleichterung.

Alles war wunderbar. Geburtszeit war 13.35h am 31.05.2006.

Der kleine Mann entschwand aus meinem Gesichtsfeld, weil er als erstes kurz gecheckt wurde. Der große Mann konnte hinterher gehen und zusehen. Erst nach diesem ersten Schnellcheck und einem schnellen Abwischen und in ein Tuch Hüllen bekam ich ihn kurz in den Arm und konnte ihn selber begutachten. Trotz der doch nicht allzu langen Geburtszeit war er ganz schön verbeult.

Dann verschwanden er und der große Mann in den Nebenraum zum Verarzten des Nabels und wiegen und so und ich musste zurück bleiben, wurde ich doch selber genäht und wurde noch ein wenig auf die Nachgeburt gewartet.

Ich sah den Arzt zwar nicht gut, dafür aber in relativ regelmäßigen Abständen einen Arm mit einem Faden über dem Tuch hoch kommen.

Aber plötzlich wurde etwas anders. Ich hörte und sah plötzlich nicht mehr ganz richtig, es verschlimmerte sich recht rasch und ich wurde nervös bis panisch, weil die Ärzte nur portugiesisch redeten und so mit dem Nähen beschäftigt waren, keine Schwester bei mir stand und der Anästhesiearzt auch weg war, und mir fiel auch kein Wort auf portugiesisch ein, dabei hätte ich ja auch einfach auf deutsch los sprechen können, denn mein Gynäkologe kann ja deutsch. Ich schaffte es doch noch irgendwie die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und dann war ich weg.

Wohl nicht lange wie man mir berichtete, der große Mann stand schon ein wenig erschrocken wieder neben mir und fragte, ob er mit mir jetzt auf die Aufwachstation gehen solle oder mit dem kleinen Mann nach oben und ich schickte ihn mit dem Kind nach oben fort. Ich selber wurde in einen Saal geschoben, der mir wie eine Intensivstation vorkam, aber keine Zimmer wie in Deutschland, sondern es war wirklich ein langer Saal und ich wurde irgendwo an eine Wand gefahren, einiges wurde angeschlossen unter anderem ein Blutdruckmess-Gerät, dass sich ständig aufpumpte und mich ziemlich nervte. Ich konnte nicht viel sehen und es wurde auch noch ein Vorhang links und rechts zugezogen, aber zum Fußende hin konnte ich den Saal sehen, wenn auch nur sehr wenig. Furchtbar müde war ich und sollte nicht schlafen, sondern richtig wach werden, ständig pumpte sich mein Arm zur Blutdruckkontrolle auf, und ab und an wurde ich auf portugiesisch was gefragt, aber richtig greifbar waren die Leute dort nicht für mich, wenn sie weg waren, hätte ich sie nicht zu rufen gewusst.

Eine Stunde später wurde ich dann zum Glück auf mein Zimmer geschoben, in dem der große Mann mit der Verwandtschaft telefonierte und der kleine Mann war noch für weitere drei Stunden im Monitoring, was hier im Einstein-Hospital standardmäßig so gemacht wird.

Eine Kennenlernphase gemütlich noch im Kreißsaal, die gibt es zumindest dort nicht, ebenfalls kein erstes Anlegen und Trinken für das Kind.

Eigentlich wollte ich da mit den Ärzten nach der Geburt drüber streiten und mich dem widersetzen, aber so wie es dann nach der Geburt gelaufen war, kam das nicht mehr in Frage… Ich war so fertig!

Und das blieb.

Am nächsten Tag überzeugte uns mein Arzt, dass für mich zwei Bluttransfusionen richtig wären, weil ich sonst die nächsten Wochen nicht entlassen werden könnte und es mit dem Stillen nur sehr unwahrscheinlich klappen könnte, weil wahrscheinlich der Milcheinschuss ausbleiben würde. Nach einer Überlegenszeit zusammen mit dem großen Mann willigte ich ein und mit jedem Tropfen Blut kam neue Lebensenergie zurück, das war wie ein weiteres Wunder. Trotzdem blieb ich noch sehr wackelig auf den Beinen und hatte weiterhin Bettruhe.

Ich fühlte mich als Mutter mißraten, hatte ich doch auf allen Gebieten „versagt“: Die Geburt musste eingeleitet werden, der Arzt nahm die Zange zu Hilfe, ich wurde ohnmächtig und kam nicht alleine auf die Beine und nun sollte auch noch das Stillen gefährdet sein! Den Abend und die Nacht über wurde ich von tiefstem Baby Blues hin und her gerissen, aber dafür war er dann am Morgen auch quasi wieder verschwunden und die Hormone zeigten sich nur noch hin und wieder sehr zahm.

Troztdem das Stillen nicht wirklich klappte, es kein einziges Mal gegeben hatte, dass ich es geschafft hatte, den kleinen Mann allein anzulegen, ich erst den Abend zuvor das erste Mal und das auch nur mit Hilfe auf den Füßen gewesen war und ich noch bis kurz vor dem endgültigen Krankenhausverlassen nach den Blutkonserven noch einmal zwei Eisenbeutel in meine Venen bekam, wurde ich schon am 02.06.06 mit dem kleinen Mann aus dem Krankenhaus entlassen. Denn Zuhause, da würde man schneller wieder auf die Beine kommen als im Krankenhaus. Ich fühlte mich rausgeschmissen, wurde im Rollstuhl zum Auto gefahren.

Nun, wahrscheinlich ging der Arzt davon aus, dass Daheim eine Hausangestellte, eine Putzfrau zumindest da wäre, was aber nicht der Fall war. Aber natürlich hatte der große Mann ein bißchen Urlaub.

Das mit dem Stillen wurde zuerst noch ein Drama, denn es klappte nicht, der kleine Mann konnte nicht andocken, was mit mehr und mehr Milch in den Brüsten auch immer schwieriger wurde. Ich wurde wieder ein wenig panisch und so kam es, dass wir schon am 03.06.06 morgens super früh wieder im Krankenhaus auf der Matte standen. Dieses Mal nahm sich eine Schwester wirklich lange Zeit für mich und den kleinen Mann, erklärte mir und dem großen Mann trotz starker Sprachschwierigkeiten geduldig alles rund ums Stillen. Wir überredeten sie allerdings uns noch ihre Handynummer mit zu geben. Ein Mal noch haben wir sie wieder angerufen, aber darüber hinaus war es nicht mehr nötig. Eine riesige Hilfe ist mir aber auch eine deutsche Beraterin der La Leche Liga gewesen, die mir in einigen Mails auch noch sehr geduldig einiges zum Thema Stillen, den Zeiträumen des Weckens, zu schmerzender Brust, dem richtigen Anlegen usw. geschrieben hat. Ohne sie hätte ich noch so den ein oder anderen Fehler gemacht, aber das Stillen wurde dann doch ein Erfolg bei uns und die ersten zehn Monate hätte ich noch locker mindestens ein weiteres Baby satt bekommen…

Außerdem landete ich noch bei den Rabeneltern, zwar nie aktiv im Forum, aber auf den sehr interessanten Informationsseiten, wodurch mir dann auch allmählich klar wurde, warum ich mich so als „Rabenmutter“ fühlte, kein Wunder nach der Trennung so kurz nach der Geburt, aber jeden den das weiter interessiert, kann ja selber einmal auf den Seiten dort stöbern.

Auch zu Hause dauerte mein auf die Beinekommen allerdings noch an und ich bekam erneut Panik bei dem Gedanken daran, dass der große Mann wieder arbeiten gehen musste, anderthalb Wochen nach der Geburt. Deshalb suchten wir dann doch noch nach einer Haushaltshilfe und kamen so zu „unserer“ F. ohne die wäre ich bestimmt verzweifelt. Denn der große Mann muss halt arbeiten bis er fertig ist, wann immer das auch ist… Ich bin sehr dankbar für F., die mir damals wirklich eine riesige Hilfe gewesen ist und von der ich mir jede Menge im Umgang mit Neugeborenen abgeguckt habe. Die brasilianische Kultur ist da bestimmt eine der besten, was den liebevollen und geduldigen Umgang anbelangt. Mittlerweile gehe ich allerdings meinen eigenen Weg und der kleine Mann und sie kommen auch nicht mehr allzu gut miteinander zurecht, weil sie zu behütend ist, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Ein zweites Kind, das wir uns beide noch irgendwann wünschen, würde ich auch gerne in Brasilien zur Welt bringen, was aber mittlerweile sehr sehr unwahrscheinlich wird.

Liebend gerne würde ich nämlich F.s Hilfe noch während der Schwangerschaft haben und sollte es unerwartet wieder so schwer nach der Geburt werden, wüsste ich, dass ich mit ihr nicht nur eine Putz- und Kochhilfe hätte, sondern auch einen Engel für das Baby.

Außerdem möchte ich nur ungern auf die brasilianische medizinische Kultur verzichten. Im Mittelpunkt steht der Patient, klar, steht er in Deutschland wohl auch, aber hier stehe ich auch mit meinen Wünschen im Vordergrund: Möchte ich unbedingt eine PDA, dann bekomme ich die auch, keine Diskutiererei, wozu gibt´s sowas denn auch sonst?! Kann ich nach was weiß ich wie vielen Stunden in den Wehen liegen nicht mehr, bekomme ich einen Kaiserschnitt. Die Medaille dieser Kultur hat natürlich auch noch eine zweite Seite, auf der zum Beispiel ein deutlich höherer Pillenverbrauch steht (mal abgesehen von der Zwei-Klassen-Medizin…) Mittlerweile habe ich mir zwar einen anderen Gynäkolgen gesucht, weil mit dem Abstand zur Geburt und dem Drübernachdenken irgendwie die Vertrauensbeziehung zum alten Arzt geschwunden ist. War die PDA nun wirklich nötig gewesen? Ich hatte ja gar nicht drum gebeten. Und die Zange? Auch darum hatte ich nicht gebeten, ich hatte nicht signalisiert, dass ich schon ko sei und er hatte mir nicht erklärt, was er vorhatte. Hätte ich ohne beides vielleicht nicht die Probleme nach der Geburt gehabt? Warum ich nämlich in Ohnmacht gefallen war nach der Geburt, das sollte mit der zweiten Dosis der PDA zusammengehangen haben. Und die notwendige Bluttransfusion? Ich hatte vor der Geburt einen Eisenmangel, der medikamentös behandelt wurde, aber hat nicht vielleicht auch die Zange dazu beigetragen?

Eigentlich sind das alles müßige Fragen, die auch nur wieder hoch kommen, weil ich hier noch einmal alles niederschreibe. Schließlich werden in der Zukunft die Karten wieder neu gemischt, wie man so schön sagt. 🙂

Da es mir nach Geburt nicht gerade so gut ging, war ich eigentlich im Prinzip auch ganz froh darüber, dass die Familie nicht gerade um die Ecke wohnt. Aber oft war es mehr so ein Zwiespalt, denn vielleicht wäre es ja auch hilfreich gewesen. Dafür hatten wir vor allem auch jede Menge Ruhe und kaum Besuch nach der Geburt. Damals fand ich den großen Zeitunterschied nach Europa übrigens nicht so schlimm, denn wenn ich nach einem nächtlichen Stillen um 2 oder 3Uhr hiesiger Zeit nicht direkt wieder einschlafen konnte, dann habe ich einfach mal eben in Deutschland bei meiner Mutter durchgeklingelt, morgens dort immerhin schon zwischen 7 und 8Uhr. 🙂

So hat alles immer seine zwei Seiten.

Gestern hatte ich übrigens noch vergessen anzumerken, dass ich mit der Arztwahl im Prinzip auch schon eine Krankenhauswahl treffe, weil der Arzt nur in bestimmten Häusern Belegbetten hat.

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5 Gedanken zu „Der Weg auf die Welt und die ersten Tage Muttersein

  1. An der Länge und Ausführlichkeit Deiner letzten Beiträge kann man mal wieder sehen, was für ein einschneidendes Erlebnis so eine Schwangerschaft und Geburt ist…gut, dass das Endergebnis so wundervoll ist 🙂

  2. Das muss ich mir mal in Ruhe durchlesen. Und vor allem muss ich auch dringend demnächst mal was zu diesem Thema schreiben, aber dazu braucht man ja Zeit *seufz*
    Ich höre nämlich auch oft „Hast Du keine Angst?!“ 😉

  3. Pingback: Nach der Geburt im brasilianischen Krankenhaus « Chrizzonik

  4. Pingback: Willkommen kleiner Guilherme! « Chrizzonik

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