In memoriam

Heute vor sechs Jahren da wussten wir – Deine Freunde und ich – noch nicht, dass Du beschlossen hattest, uns zu verlassen. Für uns war die Welt noch in Ordnung, während sie für Dich schon in weite Ferne gerückt sein musste. Wir auf der einen Seite, gut gelaunt, befeiert, beschwipst. Du auf der anderen, eigentlich ganz normal, doch je später die Stunde, desto düsterer wurden Deine Themen, desto tiefgründiger die Themen und desto betrunkener Du.

Weisst Du, ich habe gebraucht, bis ich mir vergeben habe, dass ich Dich diesen Abend, diese Nacht, nicht nach Hause begleitet habe. Für uns beide war die Ära zu Ende gegangen und ich war einfach nur müde und mochte nicht warten bis auch Du endlich die Zeit zum Nachhausegehen gekommen sahst. So bist Du irgendwann allein gegangen, als Letzter.

Und wir haben Dich nie wieder gesehen.

Schlimm waren – auch – die zwölf Tage Ungewissheit.

Ich weine noch. Hörst Du das?!

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Vom Schatten Deiner selbst

In tiefer Seele zerrissen,

Aus tiefstem Leib herausgerissen.

Nicht mehr wissend,

Wo der Anfang

Am Ende

Sein soll.

Das Leben geht weiter;

Nur Meins hält an,

Hält inne, horcht:

Wo ist der Laut, der mich weckt,

Aus nie geträumtem Alptraum.

Nach sieben mal sieben

Tagen

Die Gewissheit;

Es ist das, was Wachheit heißt.

Der Schrei ist verhallt,

Das Weinen verstummt.

Leise hat

Der Schmerz

Am Schluss alles verbrannt.

Bis auch Er taub wird.

© A.G.  2003

Bandscheibenvorfall – ein Tag in Stichworten – Abschied

  • Wir haben noch genau 42 Stunden bis wir im Flieger zurück nach Deutschland sitzen sollten. Mit unendlich viel Gepäck – schließlich kehren wir mit Hab und Gut zurück.
  • Eigentlich relativ gut im Zeitplan liegend (wie am letzten Beitrag auch abzusehen, waren aber noch einmal bürkratische Hürden aufgetaucht…), stand alles erst einmal um 11h Ortszeit still. So im wahrsten Sinne des Wortes: Ich lud Katzenfutter-Beutelchen in den Kofferraum (ca. 300g schwer, zusammen), machte eine Drehung vom Einkaufswagen zum Kofferraum und zuckte zusammen, weinte, hielt den Atem an, schrie und jammerte.
  • Kind weinte solidarisch mit.
  • Eine Stunde später waren der große Mann und ich im Krankenhaus. Der kleine Mann blieb bei F. – was ein Glück, dass wir sie noch haben!!!
  • Im Erste-Hilfebereich des Krankenhauses war zum Glück nicht viel los und wir kamen schnell an die Reihe.
  • Zuerst wollte der diensthabende mir zwei Tabletten (eine entzündungshemmende und eine schmerzstillende) verabreichen und mich dann zwei Röntgenbilder machen lassen, aber nachdem wir wieder weinte als ich erneut versuchte mich in den Rollstuhl zu setzen und mein rechtes Bein auf die Ablage zu hieven, entschied er sich für eine Infusion mit was Stärkerem.
  • Ca. eine dreiviertel Stunde weiter sackte ich mit starker Kreislaufschwäche nach dem ersten Röntgenbild zusammen – das sollte auch leider das Einzige sein, was das Schmerzmittel verursachte, die Schmerzen blieben konstant, übrigens kurz über dem Po, und hinzu kam irgendwann noch ein ins linke Bein strahlender Schmerz.
  • Als ich nach einer halben bis dreiviertel Stunde wieder einigermaßen zurecht war, wurde eine Tomografie gemacht.
  • Wartend auf die Bilder und auf ein verspätetes Mittagessen döste ich immer mal wieder weg.
  • Nach den Bildern stand fest: Bandscheibenvorfall. Ist aber nichts neues für mich, dass hatte ich mit 16 Jahren schon einmal, auch im selben Lendenwirbel-Bereich. 😦
  • Schonsitzend waren die Schmerzen auszuhalten, weshalb der Arzt (ein anderer als am Anfang, Schichtwechsel) mich mit einem Rezept für ein Schmerzmittel und einen Entzündungshemmer entlassen wollte – immerhin fliegen wir am Mittwoch und seine Empfehlung ist, sehr schnell in Deutschland nach dem Flug zum Orthopäden zu gehen. Seiner Einschätzung nach reicht eine Physiotherapie als Behandlung aus.
  • Infusionszugang wurde gezogen von einem Krankenpfleger und ich versuchte aufzustehen und zu gehen – die Schmerzen waren unverändert stark und ich konnte meine Beine kaum anheben. Daraufhin informierte der Pfleger den Arzt erneut, weil sie einen Patienten wohl ohne Schmerzbesserung nicht entlassen dürfen. In meinem Fall würde der Schmerz wohl nicht ganz weg gehen, aber gelindert werden könne er schon.
  • Arzt kam zurück und spielte einige weitere mögliche Medikamente durch, aber die üblichen für diese Art vertrage ich alle nicht. Trotzdem fand er noch eine Möglichkeit (danach wäre nur noch was aus der Familie der Morphine möglich gewesen) und mir wurde ein zweiter Infusionszugang gelegt.
  • Deren Schnelligkeit musste stark verlangsamt werden, weil das Mittel mir die Vene „anbrannte“, aber dann lief es brav ohne „brizzeln“ durch und verringerte sogar meine Schmerzen soweit, dass ich wieder Treppen gehen kann. Macht zwar keinen Spaß und wird von Mal zu Mal wieder unangenehmer, aber nun ja.
  • Wir zahlen die Rechnungen hier erst einmal immer privat und so muss man nach der Behandlung auf die Abrechnung warten und zahlt dann in der Regel mit der Kreditkarte. (Vor der Behandlung muss man auch erst registriert werden.) Leider waren meine ganzen Untersuchungen nicht richtig im System erfasst, weil ich ja einmal schon „ausgeloggt“ worden war und so stand eine erneute Wartezeit an. Mag so dreiviertel Stunde gewesen sein.
  • Verlassen haben wir das Krankenhaus um 20h rum. Drinnen war ich demnach ca. acht Stunden gewesen…
  • Kurz nach der Tomografie fuhr der große Mann nach Hause, weil er nachmittags einen Termin mit der Gewerkschaft wegen seines Ausscheidens aus der Firma hier hatte. Das ist Standard und man wird jede Menge Sachen gefragt, ob man immer sein Geld erhalten hat und nicht ausgebeutet wurde. Notwendig in einem so großen Land wie Brasilien, wo auf den Zuckerrohrfeldern im Inland wirklich noch sklavenähnliche Zustände vorhanden sind…
  • Kleiner und großer Mann kamen mich abholen. 🙂
  • An der Apotheke zu hause angekommen, stellten wir fest, dass ein Zettel an der Kasse des Krankenhauses liegen geblieben war: Und zwar der mit dem verschriebenen Schmerzmittel. Die Apothekare, die mich durchaus kennen, konnten als Angestellte dieses Medikament, dessen Namen ich behalten hatte, aber nicht ohne Rezept raus geben. Selbst nicht nach Schilderung unserer Situation: 8 Stunden im Krankhaus, immer noch Schmerzen, mitten im Umzug und verlorenem ganzen Packtag bei nur noch verbleibenden 12 Stunden (zu dem Zeitpunkt, jetzt nur noch 10 einhalb) bis die Kisten von der Umzugsfirma abgeholt werden.
  • Haltlos heulend und Schei.ße rufend verließ ich die Apotheke. Eine Dame an der Kasse wartend zuckte dabei erschrocken zusammen. Wahrscheinlich habe ich wie eine Drogenabhängige gewirkt.
  • Der Arzt, der mir das Rezeot zusammen gestellt hatte, war natürlich mittlerweile auch nicht mehr im Krankenhaus und dort hieß es, dass ich demnach erneut von dem nun Diensthabenden untersucht werden müsse. Vielleicht kann sich jemand meiner Leser meinen Gemütszustand nach dem schon diesen Tag Erlebtem vorstellen… Und das Krankhaus ist nicht sooo ganz mal eben um die Ecke…
  • Der große Mann hat aber heldenhaft von Zuhause aus die Privatrufnummer des Arztes, der mir das Rezept ausgestellt hatte, heraus gefunden, diesen angerufen und gebeten, für uns im Krankenhaus ein Wort einzulegen. Erfolgreich: Nur der große Mann musste noch einmal hin und her und das Rezept abholen, zur Apotheke, deren Mitarbeiter wohl sehr erleichtert waren, als er mit dem Rezept vor ihnen stand. Ich hatte ihnen wohl sehr leid getan.
  • Während ich dies schreibe, scheint mir von dem so herbei gesehnten Mittel schlecht zu werden. (Cloridato de tramadol + Paracetamol)
  • Hier sieht´s aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, fast. Unten ist alles schon in Ordnung, aber hier oben tummelt sich noch letzter „Kleinmist“, die Spielzeuge des kleinen Mannes, die Musikanlage samt CD´s. Dann müssen noch bruchsicher einige Bilder verpackt werden. Morgen um 10h unserer Zeit, also bei Euch 15h, kommen die Leute vom Umzugsunternehmen und werden mit dem Einladen beginnen. Wahrscheinlich mais ou menos um 10h, denn es regnet und verkehrstechnisch bedeutet das hier immer den Verkehrkollaps hoch Zwei.
  • Ach ja: Bis Mittwoch Ortszeit 15h muss dann auch unsere Wäsche in Koffern stecken, samt ein paar nicht verzichtbaren Spielsachen des kleinen Mannes, ein paar Geschenken und Mitbringseln sowie diversen Badsächelchen.
  • Mit diesem Eintrag melde ich mich denn auch einmal ab und schreibe: Bis in vier Wochen oder so, wenn wir in Deutschland Internetzugang bekommen sollen. Noch bin mir nicht sicher wie und ob es dann hier überhaupt weiter geht. Ich verbinde diesen Blog sehr mit Brasilien und bin mir nicht sicher, was ich von Deutschland aus dann noch über dieses Land zu schreiben haben werde. Eigentlich sollte an dieser Stelle jetzt ein Eintrag mit der Überschrift „Tausend kleine Abschiede“ gestanden haben. Da ich aber leider heute noch einmal unbedingt ausführlich Abschied von dem Krankenhaus nehmen musste, in dem der kleine Mann zur Welt kam, fällt der jetzt hintenrüber. Wahrscheinlich wäre er sehr emotional geworden…
  • Bedanken möchte ich mich noch bei jeder meiner KommentarInnen hier! Ohne Euch hätte es mir nicht so viel Spaß gemacht und vielleicht hätte ich auch irgendwann die Lust am Bloggen verloren, ohne Euch. Nur mit Euch ist dies zu einem lebhaften Ort geworden. Muito obrigada!
  • Ciao Ciao, macht es also gut da draußen! Als Leserin zumindest werde ich der Blogwelt wohl nicht Lebewohl sagen können, vielleicht aber als Schreiberin… Man wird es sehen. Schlauer. Hoffentlich. In ca. vier Wochen.

Sonntagsblicke

Blick Sonntags morgens um 10 Uhr rum von der Skye-Bar aus. Da waren wir heute morgen nur frühstücken. Abgestiegen sind wir da leider nicht. 😉 Wir bleiben bis zum Schluss hier im Haus. Eingepackt ist mittlerweile auch alles außer den Kinderspielsachen und diversen Kleidungsstücken. Im Augenblick mache ich eine Pause vom Wühlen durch die millionen Tarife für Festnetz, Internet und Handy in Deutschland. Himmel! Ich werde davon verrückt. Was gibt es da mittlerweile für einen Dschungel. Und erst einmal diese für vollständige Informationen Suchende unfreundliche Internetseiten!!! Fußangelnote hier und da auch noch und bei Klick dorthin und wieder zurück noch einmal drei weitere. Oder so ähnlich. Und ich beherrsche ja zum Glück die geltende Amtssprache Deutschlands… Nun, mittlerweile haben wir uns erfolgreich durch gekämpft und Handy, Festnetz und Internet bestellt. Die Wartezeit auf das Internet wird allerdings ca. 4 Wochen betragen… 😦

Durch das ungewohnte Tragen von leichten Absätzen auf diversen Abschieds-Events habe ich mir nun immer stärker werdende Rückenprobleme eingefangen… Falls jemand einen guten Tip gegen beginnenden Hexenschuss hat, nur her damit.

Heute Abend haben wir uns dann noch einmal diesen Blick vom Italia-Hochhaus gegönnt:

Scheiden tut weh – Sao Paulo bei Nacht

avenida paulista

avenida paulista

  • nicht ganz 90km heute nachmittag gefahren (zwischen 15 und 19Uhr)
  • für die Hinfahrt 1h12m (kleiner Mann schlief da zum Glück seinen verspäteten Mittagsschlaf)
  • Aufenthalt im Flughafen ca. 40m
  • keinerlei Schlangen beim CheckIn, was weder daran lag, dass wir besonders früh noch besonders spät dran gewesen waren, irgendwie komisch
  • Abschiedswasser und Käsebrot (Pao de Queijo)
  • nochmal zur Toilette, man weiß ja nie, wie lang man fährt…
  • beim Verabschieden drei Erwachsene mit feuchten Augen und ein weinender wütender kleiner Mann
  • für die Rückfahrt 1h40m
  • Bespaßung mit Käsebrot (Pao de Queijo), Gummibärchen, Wasser, einem Schnulli und einem Kinderrucksack voller Bücher
  • sehr aufmerksamer kleiner Mann, der mir direkt beim letzten Bissen des ersten Käseknubbels einen zweiten anbietet und nach vorne
    ebenfalls avenida paulista

    ebenfalls avenida paulista

    durch reicht (ich hatte ihm die Tüte mit vieren gegeben)

  • jetzt ko und irgendwie leer
  • zwei (fast einhalb) Wochen sind zu wenig um alles zeigen zu können, was man gerne möchte
  • (normaler Weise benötigt man zum Flughafen von uns aus ohne Stau nur eine dreiviertel Stunde)

    igreja - kirche, av. paulista am ende/anfang

    igreja - kirche, av. paulista am ende/anfang

Abschiedstag

Heute nachmittag müssen der kleine Mann und ich meine Mutter und meine Schwester zum Flughafen fahren.

Gestreikt wird ja nicht mehr und diese Strecke wäre wohl auch gar nicht beeinträchtigt gewesen… Aber ich glaube, wenn, dann wäre es von den Beiden eher begrüßt worden.

Es war eine schöne Zeit, die leider große Teile von meiner Lungengeschichte beeinträchtigt war, was aber für mich und den kleinen Mann eher von Vorteil war, denn so war immer jemand zum Spielen für ihn da. Ich habe mich besonders an den kleinen Verwunderungen und „ach so sieht das aus“ erfreut, die mich an meine erste Zeit hier im Land zurück erinnert haben. So werden in den nächsten Tagen auch noch nach und nach Einträge entstehen, die das aufgreifen werden.

Beide, meine Mutter und auch meine Schwester fliegen schwer begeistert von diesem riesigen Land mit den freundlichen und höflichen Menschen (zumeist), den tropischen Früchten, dem (meist) sonnigen Wetter und der wundervollen Landschaft wieder zurück. Beide sagen übereinstimmend, dass für sie die Ilhabela der schönste Ort gewesen ist, an dem sie je im Leben gewesen seien. (Für mich ist das Fernando de Noronha.)

Ich bin froh, dass morgen erst einmal Wochenende ist, das wir mit dem großen Mann zusammen verbringen können. So können wir nach fast sieben Wochen des Unterwegsseins und Besuch habens langsam in den Alltag gleiten, der bestimmt nach so langer Zeit erst einmal wieder eine Umstellung bedeutet.