Nach der Geburt im brasilianischen Krankenhaus

Wenn man nun denkt, man könne sich in einem Krankenhaus gut erholen, dann wird man schnell eines besseren belehrt, zumindest wenn er bzw. sie sich in diesem Fall nach einer Geburt in einem brasilianischen Krankenhaus aufhält.

Es gibt jemanden, der ist für das Bringen von Essen und Trinken zuständig, und kommt mindestens fünf Mal täglich für Mahlzeiten. Dann sind da Krankenschwestern, die sind nur für mich, meine körperlich-medizinische Pflege zuständig, die mir auch Blut abnehmen oder auch Bluttransfusionen anbringen und wechseln dürfen,mit mir duschen und mindestens drei Mal täglich schon allein kommen um ein paar Tabletten zu verabreichen. Am Meisten hat man aber wahrscheinlich Besuch von den Schwestern, die nur für das Thema Stillen und die Babypflege zuständig sind. Und zu guter Letzt gibt es noch Putzpersonal.

Natürlich kommen da zwischendurch auch noch der Gynäkologe mit dem Anästhesisten mal nach dem Rechten sehen und jeden Tag ein Kinderarzt, der einem das Neueste über das Abnehmen des Neugeborenen und die üblichen Kontrolluntersuchungen (z.B. Gehörtest, Impfen (Tuberkulose), Vit.K-Gabe ist hier übrigens nur einmal eine Spritze usw.) erzählt.

All diese unterschiedlichen Personen kommen in schöner Regelmäßigkeit in das Zimmer geschneit und fragen zumindest, ob sie nicht was für einen tun können. Aber man könnte dann ja auch rufen… Gefühlt ist es ein ständiges Kommen und Gehen.

Ich weiß gar nicht, wie brasilianische Frauen das in einem Krankenhaus ganze drei Tage aushalten, denn zu diesem ständigen rein krankenhausbedingten Rein und Raus kommt bei denen ja auch noch das ständige Rein und Raus von Verwandtschaft, Freunden und Arbeitskollegen dazu. Und es geht _jeder_ ins Krankenhaus der es eben einrichten kann, denn das ist hier so Sitte und dafür unüblich, die frischgebackenen Eltern Daheim zu besuchen.

Am Anstrengendsten ist es mit den für die Baby-Pflege zuständigen Krankenschwestern. Fairer Weise muss ich jetzt anmerken, dass es damals als ich entbunden habe nicht ganz so anstrengend war, denn ich musste noch nicht jeden Tag eine Liste mit der aktuell getragenen Babykleidung morgens und abends und bei etwaigem nochmaligen Umziehen (was anderes für Besuch?!) abzeichnen.

Dafür fragten die Schwestern gerne mal nach, ob sie das Kind jetzt mal haben könnten um endlich mal wieder Windeln zu wechseln (keine Möglichkeit in einigen Krankenhäusern, dies auf dem eigenen Zimmer zu erledigen), es zu baden (jeden Tag einmal), es zu untersuchen, oder mal dort schlafen zu legen. Nehmen sie das Kind dann mit aus dem Zimmer heraus, wird es an meinem Patientenbändel, das man permanent am Handgelenk trägt, ausgescannt, dann am Krankenschwester-Code eingescannt, an der Zimmertür ebenfalls abgescannt und beim Betreten in den Pflegebereich (hier heißt das Bercario, wie heißt das denn noch einmal auf deutsch?) dort eingescannt.

Einmal während des dreitägigen Aufenthalts wird gebadet und gewindelt sowie umgezogen im Zimmer mit den Eltern zusammen, damit diese das auch mal „üben“ können.

Ich habe keine Erinnerung mehr daran, ob ich damals auch schon unterschreiben musste, dass ich dieses „Training“ bekommen habe. Meine Erinnerung bringt nur noch einen wahren Wust an Bürokratie, Informtaionszetteln zur Geburt, über Untersuchungsergebnisse, offizielle Anmeldebögen in Zusammenhang mit dem brasilianischen Staatsbürgerschaftsrecht, Ausscheckbögen, wegen der Bluttransfusion ein weiterer Berg an Informationszetteln und Risiko-Unterschreib sowie in Kenntnisnehmgedöhns an die Oberfläche. Mittlerweile wird das aber definitiv so gehandhabt. Alles muss übrigens von der Kindsmutter unterzeichnet werden, eine Unterschrift des Vaters wird als Ersatz nicht angenommen.

Ganz zum Schluss kurz vor Verlassen des Krankenhauses steht dann noch die Begleichung der Rechnung an: Einmal zahlt man das Krankenhaus und seine Leistungen und die der einzelnen Ärzte (Gynäkologe, Anästhesist und Assistenzarzt) getrennt davon. Das darf dann allerdings der Vater auch ganz ohne Unterschrift der Mutter machen. 🙂

Dann bekommt man zum Schluss noch eine Wickeltasche mit einem ersten Kit geschenkt. Wenn man ein Mädchen zur Welt gebracht hat, konnte man auch noch mit den Ärzten verhandeln, dass das Kind direkt nach der Geburt „umsonst“ Ohrlöcher gemacht bekommt. Ist eigentlich ganz praktisch, denn das erspart für Außenstehende die Frage an die Eltern, ob es sich wohl um ein Mädchen oder einen Jungen handelt, bei unbeohringten Babys mit brasilianischen Eltern hat man mindestens eine Wahrscheinlichkeit von 95%, dass es sich dann um einen Jungen handelt.

Mir kommt da grad so der Gedanke, ob man bei Jungens wohl auch die Beschneidung hätte verhandeln können?!

„Entnaiviert“ 😉 mich: Wie ist das in Deutschland und sonstwo auf der Welt? Etwa ähnlich?!

Der Weg auf die Welt und die ersten Tage Muttersein

Der kleine Mann wurde wegen beginnender Schwangerschaftsvergiftung eine Woche nach errechnetem Termin geholt, also die Geburt eingeleitet.

Dafür „checkten“ der große Mann und ich am 30.05.06 abends im Krankenhaus ein. Es wurde noch einmal per Ultraschall die Lage des kleinen Mannes kontrolliert, dann durften wir auf´s Zimmer, ich bekam noch einmal eine Kleinigkeit zu essen und dann hätten wir schlafen gekonnt. Ich in einem merkwürdigen Krankenhausbett und der große Mann auf der Couch im Zimmer, die man zum Schlafen umklappen kann. In Brasilien ist das gar keine Frage (bitte beachten: gilt nur für Privatpatienten! Und nicht das staatliche System.): Natürlich bleibt einer aus der Familie bei der Schwangeren. Und wenn es nicht der Vater ist, dann die Mutter oder die Schwiegermutter.

Ich weiß noch, dass ich aber sehr aufgeregt war und lange nicht einschlafen konnte.

Morgens sollte es dann um 6 Uhr losgehen und dafür wurden wir um etwas nach 5 Uhr schon geweckt. Das war nur eine kurze Nacht gewesen…

Dafür hing ich dann schon um kurz vor 6 Uhr am Wehentropf und war zum ersten Mal während meiner Schwangerschaft an ein CTG angeschlossen. Ich war irgendwo in dunklen Zimmern in unteren Etagen des Krankenhauses, der große Mann an meiner Seite, der mir die Aufregung mit dem Vorlesen eines Buches vertrieb.

Mein Gynäkologe war natürlich auch da, bestimmte den Tropf und schaute immer mal wieder rein und kontrollierte den Muttermund. Ansonsten wuselten Schwestern mal herein.

Die Einleitung begann gut, der Muttermund öffnete sich langsam und die ersten drei Stunden hatte ich im Prinzip keine Schmerzen. Ich fühlte nur die Muskeln hart werden und ein winziges Ziehen, nicht mal so schlimm wie Regelschmerzen, übrigens sehr zum Unverständnis meines Arztes, der mich dann zur PDA überredete, weil er später eh schneiden würde (den Damm) und es noch später vielleicht nicht mehr gehen würde.

Also blieb die Geburt des kleinen Mannes für mich absolut schmerzfrei und in den Presswehen später sollte ich immer auf meinen Bauch schauen müssen und auf das Kommando des Arztes reagieren, weil ich absolut nichts spürte.

Aber bis dahin waren noch ein paar Stündchen, denn trotz starker Wehen verlangsamte sich die Öffnung des Muttermunds bzw. stockte bei 7cm. Nach 6 Stunden eröffnete der Arzt schon sonst evtl. doch einen Kaiserschnitt anzupeilen, aber die Wehen waren schön regelmäßig und anscheinend laut Ausschlag des CTGs auch stark und so entschied er sich, die Fruchtblase zu sprengen und mal zu schauen, ob das etwas weiter bringen würde. Getan und ging erst mal noch schnell Mittagessen.

Ich lag da übrigens auf einem Krankenbett im Flügelhemdchen und weiß noch, dass mir die Klimaanlage ein wenig auf den Zeiger ging, weil es für meinen Geschmack zu kühl war. Der große Mann hatte Straßenkleidung an, verließ mich dann aber noch einmal, weil er sich für die Geburt selber auch in sowas wie Arztkleidung für Besucher hüllen musste. Er unterschied sich im Folgenden nur durch die Kleidungsfarbe von den Ärzten und Schwestern.

Der Arzt schwirrte wieder herein, der Anästhesist ebenfalls und verpasste mir noch einmal eine zweite Ladung PDA und ich wurde mit meinem Gitterbett in einen Nebenraum geschoben, der ebenfalls kein Fenster hatte, dafür so aussah wie ich mir einen kleinen OP-Raum vorstelle.

Meine Füße wurden hochgewuchtet, denn ich spürte ja nun mal nichts mehr unterhalb meines Brustkorbes und das Zeichen für das Pressen wurde gegeben.

Ich spürte zwar nichts, presste aber so stark wie ich konnte. Nach ca. einer halben Stunde Presswehen setzte der Arzt die Zange an, was ich gar nicht mitbekam, dafür aber der große Mann, den es erschreckte, dass er noch einmal nachsetzte und im nächsten Moment sah ich zwischen meinen Beinen den kleinen Mann rausflutschen, Kopf nach unten und noch bevor er ganz hinaus geglitten war, begann er auch schon zu schreien.

Ich werde jetzt gar nicht zu beschreiben versuchen, was das für mich für ein besonderer Moment gewesen ist, denn es ließe sich eh nicht adäquat in Worte fassen, diese Mischung aus sofort einsetzender überschwellender Liebe und Bemutternwollen-Gefühlen und einer bodenlosen Erleichterung.

Alles war wunderbar. Geburtszeit war 13.35h am 31.05.2006.

Der kleine Mann entschwand aus meinem Gesichtsfeld, weil er als erstes kurz gecheckt wurde. Der große Mann konnte hinterher gehen und zusehen. Erst nach diesem ersten Schnellcheck und einem schnellen Abwischen und in ein Tuch Hüllen bekam ich ihn kurz in den Arm und konnte ihn selber begutachten. Trotz der doch nicht allzu langen Geburtszeit war er ganz schön verbeult.

Dann verschwanden er und der große Mann in den Nebenraum zum Verarzten des Nabels und wiegen und so und ich musste zurück bleiben, wurde ich doch selber genäht und wurde noch ein wenig auf die Nachgeburt gewartet.

Ich sah den Arzt zwar nicht gut, dafür aber in relativ regelmäßigen Abständen einen Arm mit einem Faden über dem Tuch hoch kommen.

Aber plötzlich wurde etwas anders. Ich hörte und sah plötzlich nicht mehr ganz richtig, es verschlimmerte sich recht rasch und ich wurde nervös bis panisch, weil die Ärzte nur portugiesisch redeten und so mit dem Nähen beschäftigt waren, keine Schwester bei mir stand und der Anästhesiearzt auch weg war, und mir fiel auch kein Wort auf portugiesisch ein, dabei hätte ich ja auch einfach auf deutsch los sprechen können, denn mein Gynäkologe kann ja deutsch. Ich schaffte es doch noch irgendwie die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und dann war ich weg.

Wohl nicht lange wie man mir berichtete, der große Mann stand schon ein wenig erschrocken wieder neben mir und fragte, ob er mit mir jetzt auf die Aufwachstation gehen solle oder mit dem kleinen Mann nach oben und ich schickte ihn mit dem Kind nach oben fort. Ich selber wurde in einen Saal geschoben, der mir wie eine Intensivstation vorkam, aber keine Zimmer wie in Deutschland, sondern es war wirklich ein langer Saal und ich wurde irgendwo an eine Wand gefahren, einiges wurde angeschlossen unter anderem ein Blutdruckmess-Gerät, dass sich ständig aufpumpte und mich ziemlich nervte. Ich konnte nicht viel sehen und es wurde auch noch ein Vorhang links und rechts zugezogen, aber zum Fußende hin konnte ich den Saal sehen, wenn auch nur sehr wenig. Furchtbar müde war ich und sollte nicht schlafen, sondern richtig wach werden, ständig pumpte sich mein Arm zur Blutdruckkontrolle auf, und ab und an wurde ich auf portugiesisch was gefragt, aber richtig greifbar waren die Leute dort nicht für mich, wenn sie weg waren, hätte ich sie nicht zu rufen gewusst.

Eine Stunde später wurde ich dann zum Glück auf mein Zimmer geschoben, in dem der große Mann mit der Verwandtschaft telefonierte und der kleine Mann war noch für weitere drei Stunden im Monitoring, was hier im Einstein-Hospital standardmäßig so gemacht wird.

Eine Kennenlernphase gemütlich noch im Kreißsaal, die gibt es zumindest dort nicht, ebenfalls kein erstes Anlegen und Trinken für das Kind.

Eigentlich wollte ich da mit den Ärzten nach der Geburt drüber streiten und mich dem widersetzen, aber so wie es dann nach der Geburt gelaufen war, kam das nicht mehr in Frage… Ich war so fertig!

Und das blieb.

Am nächsten Tag überzeugte uns mein Arzt, dass für mich zwei Bluttransfusionen richtig wären, weil ich sonst die nächsten Wochen nicht entlassen werden könnte und es mit dem Stillen nur sehr unwahrscheinlich klappen könnte, weil wahrscheinlich der Milcheinschuss ausbleiben würde. Nach einer Überlegenszeit zusammen mit dem großen Mann willigte ich ein und mit jedem Tropfen Blut kam neue Lebensenergie zurück, das war wie ein weiteres Wunder. Trotzdem blieb ich noch sehr wackelig auf den Beinen und hatte weiterhin Bettruhe.

Ich fühlte mich als Mutter mißraten, hatte ich doch auf allen Gebieten „versagt“: Die Geburt musste eingeleitet werden, der Arzt nahm die Zange zu Hilfe, ich wurde ohnmächtig und kam nicht alleine auf die Beine und nun sollte auch noch das Stillen gefährdet sein! Den Abend und die Nacht über wurde ich von tiefstem Baby Blues hin und her gerissen, aber dafür war er dann am Morgen auch quasi wieder verschwunden und die Hormone zeigten sich nur noch hin und wieder sehr zahm.

Troztdem das Stillen nicht wirklich klappte, es kein einziges Mal gegeben hatte, dass ich es geschafft hatte, den kleinen Mann allein anzulegen, ich erst den Abend zuvor das erste Mal und das auch nur mit Hilfe auf den Füßen gewesen war und ich noch bis kurz vor dem endgültigen Krankenhausverlassen nach den Blutkonserven noch einmal zwei Eisenbeutel in meine Venen bekam, wurde ich schon am 02.06.06 mit dem kleinen Mann aus dem Krankenhaus entlassen. Denn Zuhause, da würde man schneller wieder auf die Beine kommen als im Krankenhaus. Ich fühlte mich rausgeschmissen, wurde im Rollstuhl zum Auto gefahren.

Nun, wahrscheinlich ging der Arzt davon aus, dass Daheim eine Hausangestellte, eine Putzfrau zumindest da wäre, was aber nicht der Fall war. Aber natürlich hatte der große Mann ein bißchen Urlaub.

Das mit dem Stillen wurde zuerst noch ein Drama, denn es klappte nicht, der kleine Mann konnte nicht andocken, was mit mehr und mehr Milch in den Brüsten auch immer schwieriger wurde. Ich wurde wieder ein wenig panisch und so kam es, dass wir schon am 03.06.06 morgens super früh wieder im Krankenhaus auf der Matte standen. Dieses Mal nahm sich eine Schwester wirklich lange Zeit für mich und den kleinen Mann, erklärte mir und dem großen Mann trotz starker Sprachschwierigkeiten geduldig alles rund ums Stillen. Wir überredeten sie allerdings uns noch ihre Handynummer mit zu geben. Ein Mal noch haben wir sie wieder angerufen, aber darüber hinaus war es nicht mehr nötig. Eine riesige Hilfe ist mir aber auch eine deutsche Beraterin der La Leche Liga gewesen, die mir in einigen Mails auch noch sehr geduldig einiges zum Thema Stillen, den Zeiträumen des Weckens, zu schmerzender Brust, dem richtigen Anlegen usw. geschrieben hat. Ohne sie hätte ich noch so den ein oder anderen Fehler gemacht, aber das Stillen wurde dann doch ein Erfolg bei uns und die ersten zehn Monate hätte ich noch locker mindestens ein weiteres Baby satt bekommen…

Außerdem landete ich noch bei den Rabeneltern, zwar nie aktiv im Forum, aber auf den sehr interessanten Informationsseiten, wodurch mir dann auch allmählich klar wurde, warum ich mich so als „Rabenmutter“ fühlte, kein Wunder nach der Trennung so kurz nach der Geburt, aber jeden den das weiter interessiert, kann ja selber einmal auf den Seiten dort stöbern.

Auch zu Hause dauerte mein auf die Beinekommen allerdings noch an und ich bekam erneut Panik bei dem Gedanken daran, dass der große Mann wieder arbeiten gehen musste, anderthalb Wochen nach der Geburt. Deshalb suchten wir dann doch noch nach einer Haushaltshilfe und kamen so zu „unserer“ F. ohne die wäre ich bestimmt verzweifelt. Denn der große Mann muss halt arbeiten bis er fertig ist, wann immer das auch ist… Ich bin sehr dankbar für F., die mir damals wirklich eine riesige Hilfe gewesen ist und von der ich mir jede Menge im Umgang mit Neugeborenen abgeguckt habe. Die brasilianische Kultur ist da bestimmt eine der besten, was den liebevollen und geduldigen Umgang anbelangt. Mittlerweile gehe ich allerdings meinen eigenen Weg und der kleine Mann und sie kommen auch nicht mehr allzu gut miteinander zurecht, weil sie zu behütend ist, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Ein zweites Kind, das wir uns beide noch irgendwann wünschen, würde ich auch gerne in Brasilien zur Welt bringen, was aber mittlerweile sehr sehr unwahrscheinlich wird.

Liebend gerne würde ich nämlich F.s Hilfe noch während der Schwangerschaft haben und sollte es unerwartet wieder so schwer nach der Geburt werden, wüsste ich, dass ich mit ihr nicht nur eine Putz- und Kochhilfe hätte, sondern auch einen Engel für das Baby.

Außerdem möchte ich nur ungern auf die brasilianische medizinische Kultur verzichten. Im Mittelpunkt steht der Patient, klar, steht er in Deutschland wohl auch, aber hier stehe ich auch mit meinen Wünschen im Vordergrund: Möchte ich unbedingt eine PDA, dann bekomme ich die auch, keine Diskutiererei, wozu gibt´s sowas denn auch sonst?! Kann ich nach was weiß ich wie vielen Stunden in den Wehen liegen nicht mehr, bekomme ich einen Kaiserschnitt. Die Medaille dieser Kultur hat natürlich auch noch eine zweite Seite, auf der zum Beispiel ein deutlich höherer Pillenverbrauch steht (mal abgesehen von der Zwei-Klassen-Medizin…) Mittlerweile habe ich mir zwar einen anderen Gynäkolgen gesucht, weil mit dem Abstand zur Geburt und dem Drübernachdenken irgendwie die Vertrauensbeziehung zum alten Arzt geschwunden ist. War die PDA nun wirklich nötig gewesen? Ich hatte ja gar nicht drum gebeten. Und die Zange? Auch darum hatte ich nicht gebeten, ich hatte nicht signalisiert, dass ich schon ko sei und er hatte mir nicht erklärt, was er vorhatte. Hätte ich ohne beides vielleicht nicht die Probleme nach der Geburt gehabt? Warum ich nämlich in Ohnmacht gefallen war nach der Geburt, das sollte mit der zweiten Dosis der PDA zusammengehangen haben. Und die notwendige Bluttransfusion? Ich hatte vor der Geburt einen Eisenmangel, der medikamentös behandelt wurde, aber hat nicht vielleicht auch die Zange dazu beigetragen?

Eigentlich sind das alles müßige Fragen, die auch nur wieder hoch kommen, weil ich hier noch einmal alles niederschreibe. Schließlich werden in der Zukunft die Karten wieder neu gemischt, wie man so schön sagt. 🙂

Da es mir nach Geburt nicht gerade so gut ging, war ich eigentlich im Prinzip auch ganz froh darüber, dass die Familie nicht gerade um die Ecke wohnt. Aber oft war es mehr so ein Zwiespalt, denn vielleicht wäre es ja auch hilfreich gewesen. Dafür hatten wir vor allem auch jede Menge Ruhe und kaum Besuch nach der Geburt. Damals fand ich den großen Zeitunterschied nach Europa übrigens nicht so schlimm, denn wenn ich nach einem nächtlichen Stillen um 2 oder 3Uhr hiesiger Zeit nicht direkt wieder einschlafen konnte, dann habe ich einfach mal eben in Deutschland bei meiner Mutter durchgeklingelt, morgens dort immerhin schon zwischen 7 und 8Uhr. 🙂

So hat alles immer seine zwei Seiten.

Gestern hatte ich übrigens noch vergessen anzumerken, dass ich mit der Arztwahl im Prinzip auch schon eine Krankenhauswahl treffe, weil der Arzt nur in bestimmten Häusern Belegbetten hat.

Beijos

Meine erste richtige Brasilien-Erfahrung machte ich wohl damals, am Anfang im November 2005, bei meinem Gynäkologen.

Als wir nach Brasilien gingen, war ich gerade das erste Mal schwanger und steckte mitten im 2.-3. Monat. Daher suchte der große Mann für mich noch in der ersten Woche einen deutschsprechenden Gynäkologen, denn ich sprach ja bis dato nur so eine handvoll Wörter auf portugiesisch.

Ich glaube, fünf Tage nachdem wir hier gelandet waren, hatte ich dann auch schon den ersten Termin und der große Mann begleitete mich. Wir führten gemeinsam ein erstes Kennenlern-Gespräch mit dem Arzt, dem ich mich in ein paar Monaten eng anvertrauen werden müsste und es ging im Besonderen um seine Einstellung zum Kaiserschnitt und einer natürlichen Geburt, denn hier in Brasilien nimmt man „seinen“ Arzt mit zur Geburt und nur dieser (samt einem eigenen Team aus Anästhesist, Kinderarzt etc.) betreut einen währenddessen. Dann untersuchte er mich das erste Mal, gab mir ein paar Ratschläge bezüglich der Ernährung, schickte mich die nächsten Tage zur Blutuntersuchung und zum Ultraschall in ein Krankenhaus, denn das wiederum machen in der Regel die Ärzte in ihren Praxen nicht. Beim Ultraschall ist das vielleicht auch sogar besser, wenn man zu einer „zentraleren“ Stelle geschickt wird und von jemandem untersucht wird, der sich quasi den ganzen Tag lang mit nichts anderem beschäftigt und einfach erfahrener im Erkennen von Problemen oder auch des Geschlechts des Kindes ist.

Aber ich schweife schon wieder ab und nähere mich einem Thema, dem ein eigener Eintrag irgendwann einmal gebührt: Der Geburtsbetreuung und dem medizinischen System im Ganzen.

Nun, alles war paletti und nach dem Gespräch und der Untersuchung kamen wir zur Verabschiedung und ich reichte meine Hand herüber und wurde zu meiner allergrößten Verwunderung an meinen zukünftigen Arzt, männlicher Natur (!) gedrückt und bekam einen „beijo“ auf die Wange geschmatzt.

Einen Kuss!!!

Von dem Arzt, der mich soeben noch untersucht hatte, meinem G y n ä k o l o g e n.

Mir müssen wohl meine gesamten Gesichtszüge entglitten gewesen sein in dem Moment. Der große Mann amüsiert sich zumindest noch bis heute prächtig über meinen Gesichtsausdruck.

Nun und was soll ich sagen, man gewöhnt sich erstaunlich schnell an diese ständigen Küsschen-Küsschen, mit Nachbarn, Bekannten, Ärzten, unbekannten Freunden von Bekannten, deren Kindern, deren Großeltern, meinem Chef und meiner Chefin – ach, irgendwie mit allen, zumindest denen aus „meiner Schicht“. Taxifahrer zum Beispiel küsst man nicht und auch nicht die Haushälterinnen oder Gärtner.

Leid tut es mir allerdings oft für die Kinder, von denen es zu deren oftmals ebenso sichtbaren Grausen wie dem meinen eben geschilderten erwartet wird, dass sie auch Wildfremden oder quasi Wildfremden, die sie nur drei Mal höchstens im Jahr sehen, Küsschen geben müssen.

Aber nun gut, es existiert halt ein ganz anderes Körpergefühl und es gibt auch eine viel kürzere Distanz zwischen aneinander Vorbeilaufenden auf dem Bürgersteig, im Supermarkt oder Shopping zum Beispiel und wer mir alles bis zur Geburt des kleinen Mannes einfach seine Hand auf den Bauch gedrückt hat, im Vorbeigehen im Supermarkt, beim Warten auf den Bus, in der Warteschlange bei der Post ach und was weiß ich noch wo, das war zumindest gefühlt halb Sao Paulo. Allerdings hat mir dann auch ebenso halb Sao Paulo alles Gute zur Geburt und für den kleinen Mann gewünscht. 🙂

Inzwischen bin ich es gewöhnt und muss wahrscheinlich demnächst in Deutschland an mich halten um nicht den zukünftigen Kinderarzt vom kleinen Mann ebenfalls mit Küsschen zu begrüßen und zu verabschieden.

Weiterhin gewöhnungsbedürftig finde ich es allerdings, wenn mir auch jedeR Küsschen am Ende ihrer eMails schickt! Bitte was kann ich denn dann noch spezielles an den großen Mann senden?! Was bleibt dann noch übrig?

Die Schilderung des Vorgangs bei einer Geburt bezieht sich in diesem Eintrag nur auf die Verhältnisse ab Mittelschicht aufwärts! Die Mehrheit geht bei einsetzenden Wehen ins nächste öffentliche Krankenhaus und hofft auf einen freien Kraißsaal, wenn es denn dann bei ihr so weit ist. Und welcher Arzt dann dabei ist, ist eher nebensächlich.